Bei Null anfangen

November 6, 2011

Die Welt. Schau sie dir an. Überall um dich herum. Grenzenlos. Grenzenloses Tick-Tock. Einfach nur Anschauen. Nicht Verarbeiten, das wäre falsch. Das wäre alles andere als zielführend. Im Ungedachten, in der schwarzen Asche der Atmung, da ist es wahr. Sobald du es denkst, wirst du wieder der, den du seit Jahren hinter dir her schleppst.

Wir sind wie Staubwischer. Wir Lesen und Verarbeiten und sammeln so viele Informationen. Aber wir sind wie Staubwischer. Wir bekommen das alles mit. Das ganze „sich selbst neu Erfinden“, all das „nicht aufhören zu lernen“. Und es wäre falsch für jede dieser Theorien, uns im Kleingedruckten mitzuteilen, dass das alles nicht so leicht ist.

Denn auf dem Papier ist es nicht schwer. Und dort steht es ja meistens. Schwarz auf weiß. Mach neu. Tue ab jetzt. Sei so.

Ja, so sein. Es ist richtig. Der Wille ist richtig. Der Gedanke ist richtig. Das Nein-Sagen ist falsch, selbst im Kleingedruckten. Der kleinste Staubkorn schädigt alles. Rammt alles gegen die Wand. Es darf keinen Zweifel geben. Und das macht es für viele so pauschal, so reißerisch. Dabei ist es nur ehrlich sich selbst gegenüber.

In ein anderes Buch müsste man schreiben, dass wir Staubwischer sind. Staubwischer der Jahre. Das brauch man gar nicht zu verschlüsseln. Man schreibt von Theorien, von Erfahrungen, von neuen Ansätzen und vieles davon ist eingängig. Man spürt instinktiv wie wahr es ist. Anderes wiederum nimmt sich sein dualistisches Recht, nur oberflächlich richtig zu wirken. Und im Detail zu verwirren.

Aber das Staubwischen, das kennt jeder. Denn so sind wir alle. Wir können nicht von Null beginnen. Wir können nicht aufwachen und einfach alles frisch haben. Alles gut haben. Alles ohne Angst tun. Und darum geht es doch letztendlich. Die Angst loswerden. Egal was uns zurückhält, es geht um Angst. Angst, aber subtil. Manchmal fühlt sie sich an, wie ein bisschen Druck in der Brust. Manchmal so, als würde Mutter über die Schulter schauen. Manchmal wie das weite Lachen unbekannter Anderer, aber ganz klar, das müssen die Wichtigen sein.

Die Anderen, undefiniert. Für immer der König unseres Handelns. Und wie abschreckend dann die sind, die die Anderen gar nicht erst kennen. Abschreckend irgendwie. Aber golden.

Staubwischen. Das ist es. Man zieht die Jahre mit sich. Man verändert sich, man sondiert auch aus. Nicht jeder Staubkorn bleibt hängen. Nicht jede Erfahrung prägt. Und viele schon. Aber wir können nie bei Null beginnen. Und die Wahrheit ist geduldig. Die Erkenntnis steht dort einfach. Man muss das begreifen, sie steht. Sie wartet nicht einmal, es ist auch nicht so, dass sie nur für eine Weile da wäre. Sie steht. Du kannst sie nehmen, oder sehen, wenn du magst. Aber ob und wann, das interessiert sie nicht. Denn sie ist.

Das, was wir aus all unseren Jahren mitnehmen, das wissen wir manchmal selbst nicht so genau. Darauf sollten wir vielleicht noch mehr achten.

Aber wer kann bei diesem Chaos schon auf noch mehr achten? Ja, wir wischen vieles eben auch nur mit. Dann sackt es, oder eben nicht. Aber noch mal, wir können nie bei Null anfangen.

Es wird immer wie beim Elfmeter-Schießen bleiben. Auch wenn wir Millionen Schüsse hätten und nur den ersten verschossen, wir kämen nie auf 100% Trefferquote.

Wobei, im Leben, da lassen sich 100% nicht definieren. Wir sind komplexe Gebilde. Wir sind gut so, wir sind so 100% vielleicht. So daneben geschossen. Aber eigentlich geht es um Angst.

Das wäre mal ein echtes bei Null anfangen. Aufwachen, ohne Angst. Angst, das vollkommen falsche Wort für das, was eigentlich gemeint ist. Angst ist Angst vor Prügel. Ist Angst vor der Prüfung. Ist Angst vor der Dunkelheit. Jeder kennt die. Jeder kennt aber auch das, was er nicht als Angst definiert. Weil es nicht so kickt, nicht so schallert. Aber es ist alles Angst.
Und davon sind wir alle voll. Vom Schwarzfahren bis zum Uhrzeit-Fragen. Vom Studieren bis zum falschen Mittagessen. Von der Penisgröße bis zur Intelligenz. Vom Gehalt bis zur Freundin. Vom Siegen bis zu Drogen. Es ist Angst. Es gibt kein anderes Wort – und jeder spürt es. Und keiner sieht es.

Zumindest wird es wenig gesehen. Denn man darf es eigentlich nicht sehen. Das ist vorgegeben. Von wem, das weiß keiner. Es ist einfach da. Es ist eingebaut. Wer es nicht hat, ist fehlerhaft geschaffen. Was für ein Glück das wäre.

Nicht Angst kennen, das bedeutet sich selbst kennen. Das ist eine gewagte Theorie, denn vielleicht zählen auch die Lebensjahre ohne Angst. Aber ganz sicher, keine Angst zu haben, bedeutet auch, sich selbst betrachten zu können. Bedeutet auch, sich so zu nehmen. Selbst mit Angst. Klar, das ginge nicht.

Deshalb ist es wichtig zu erkennen. Es geht nicht um bei Null anfangen. Es geht nicht um gute Gewohnheiten, es geht vielleicht nicht einmal um Zen. Es geht um Kämpfen, auf den Zustand hin. Das ist unsere Krücke, das Kämpfen. Erkennen – sehen!- und kämpfen, mit ganz viel Übung. Kämpfen. Mit allem, was da ist.

Wer das weiß, der kann grenzenlos sein. Wenn er’s beherzt.

Anfänger

November 2, 2011

Weswegen ich mich immer wieder verstecke
Unter drehenden Jahrestrommeln, ich ducke mich
Verschwinde in den jungen Jahren, von damals
Lande wieder im Hier, zwischen Ruhe und Wut

Warum sie sich wohl immer erst im Fahren angeschnallt hat
Bleibt für immer ein Rätsel, dass ich es genauso mache
Warum nichts in der Welt so schwer auf mir wiegt
Und nichts mich so sehr treibt, wie dieses stumpfe Erbe

Warum er mir seine Ambivalenz nie mitteilen konnte
Zeigt sich für immer zwischen seinen Zeilen, wo ich lächle
Weil nichts in der Welt so stark in mir dreht
Und nichts mich so sehr richtet, wie dieser gute Blick

Und irgendwo im Selbst, zwischen alt und neu
Finde ich das Zusammengewürfelte, Herausgeordnete, Schiere
Krame weiter in den Tonnen tiefer Trugschlüsse und Wahrheiten
Bin ich im Fluss, fließe weiter Richtung was schon immer war

Navagos II

August 9, 2011

Mit wilden, aufgekratzen Lungen
Und wütenden, waschenden Blicken
Werfen wir uns gegen die laute Mauer
Bereiten unser Bett unter deinem konfusen Rocken

Wir fallen in ein Muskelmeer aus Ton
Wanderschnee staubt in den Himmel auf
Und brennt nebelnd hinab auf bare Füße
Die sich um das Erdstampfen streiten

Im Knall der Reglerfunken
Schleudern wir uns aufgebracht in die Nacht
Trinken dunkle Rufe und Hautgeglitzer
Wir brechen den Schütterschall, rächend

Komm mit mir nach Navagos
Wo wir die bunten Bäume bemalen
Mit rauchenden, greifenden Bögen
Und auf Zuckerzäunen aufbegehren

Dann stampf mit mir den Schmirgelbeat
Reiß die Arme in den aufgeblitzen Meereshimmel
Stich den Nacken in den roterflammten Mengentaumel
Kämpf dich aus dem Tausendgriff

Wir sind neu geboren, auf Raupenstufen
Wir treten und glänzen im tiefen Brecherbass
Das Wellenklatschen feuert uns voran
Ins dunkle, wundertoll endlos Wilde

Ich folge Flüssen

August 8, 2011

Wenn du mich mitnimmst
Dann tanz ich uns zurück
Ins Leben

Dann nehme ich den ganzen Trouble
Packe ihn in einen Beat aus Steinen
Und Eiswürfeln

Wenn du mich aufgreifst
Dann leuchte ich in unser Wecken hinein
Ins Ganze

Ich rufe deine Wahrheit aus, schreie
Dass wir wieder rund werden
Halb vergessen

Solltest du mich mitziehen
Dann schwör ich uns dahin
Ins Rotgoldene

Dann kämpf ich uns hier raus
Gebe all das alte weg
Ins Gestern

Navagos

August 8, 2011

Ich frage mich schon manchmal, was genau meine Hände noch berühren, was sie spüren. Irgendwie gehe ich immer weiter im Leben und alles wird unrealer. Irgendetwas treibt mich, lässt mich nicht ruhen. Doch dann finde ich mich in dem Moment, den ich immer ersehne und alles wirkt wie erfunden. Wie durch Röhren gerufen. Unreal, als starrte ich auf meine eigene vernarbte Hand durch einen Fernseher.
In Griechenland, da trat ich in die schönsten, stechendsten Steine. In das stillste Wasser, den weitesten Traum. Ich fuhr Boot unter keiner je so gewesenen Sonne. Ich versuchte die Luft zu greifen, das Wasser zu streicheln. Als wäre ich ein Kind, bedingungslos auf die Sache starren und zu heilen – weil das Ding so ist wie man selbst. Eben nicht hinterfragend. Eben nicht sorgengesalzen. Eben eher stumm, eher gar nicht erst erkennend, für jeden gleich, wenn der denn will.
Doch die Nächte treiben mich so oft davon. Dann bin ich wieder im Diskodunst verschwunden und greife wieder nach mir selbst in schmelzenden Eiswürfeln. In tiefen, treibenden Beats und brennenden Kehlen. Dann greife ich in die Leere und fühle mich doch nicht besser als zuvor. Die Dinge sehen mich so wie ich sie, leer, gar nicht verstehend, warum ich sie genau in dem Moment überhaupt brauche. Muss man so weit fahren für ein bisschen Nachtschwärmerei? Muss man so weit reisen, nur im sich selbst nicht zu finden – sondern wieder zu fliehen?
Es sind die Momente, die beißen. Die Spiegelstarrerei. Garnicht ’mal das Getane, sondern vielmehr das Gefühlte. Das Nichts.
Aber bei den Steinen, dort kann ich fühlen, das weiß ich. In der ruhigen Brudersonne, ganz ohne Beat. In den stillen Momenten, wenn das Licht so grell ist, dass man vergisst, wie der Tag so oft schon aussah. Dort wo der Wind es ehrlich meint. Und die Füße das Wasser streicheln.
Dort zählt nur, wie man sie anschaut, die Dinge. Nicht weil sie es brauchen. Sondern einzig und allein dafür, dass man selbst es nicht vergisst. Dass man auf sich zurückgreift und zufrieden sagen kann, woher man kommt. Dass man sich nicht interessiert, dass man nichts erklären will. Aber dass man nun da ist. Und dass man nun gleich ist. zufrieden und wieder klar. Und darum soll es gehen, vor allem an Stränden, mit spitzen Steinen in den Füßen und tiefen Atemzügen, die das Meer fort trägt.

Wochenende

Juli 2, 2011

Es gibt ja nichts, was ich mitnehmen kann
In deiner Tiefe lass ich alles liegen
Ich krümme mich, ich lass mich biegen
Wundervoll freies Blut, Hungerfeuer, alles Bann

Es gibt ja nichts, was nicht schon war
In diesem Loch ist alles alt – so fern
Ich atme tief, in Rauch gestülpt, ein neuer Stern
Vollkommen verloren, frei – dem Tode nah

Es gibt ja nichts, was sich noch findet
In diesem Glas wird alles gleich verzollt
Und während Regen über mein Feuer rollt
Verbittert das schönste Blütenwasser – das Klare verschwindet

Es gibt ja nichts was ich noch tun kann
Nur immer wieder reflektieren, bereuen, weiterdrehen
Und während meine Worte Klarheit, Ruhe, Liebe sehen
Bricht Rhythmus, Flow und Wärme, der ganze Bann
Jedes Mal auf ewig, immer wieder, tückenvoll ehrlich
Und all das nüchtern freie Tagestaumeln – das träum ich

Im vierten Jahr

Juni 15, 2011

Dort wo die Winde mich allein lassen
Dort findet mich die alte Hand
Bringt mich fort, vom Dämmerschlürfen
Redet mir mein stammeln schön

Aus keinem Jahr, ergibt sich Güte
Güte, mit diesen Händen
Vielgefasst, vergebens
Schlender ich gen was?

Gen Kind und Kegel?
Gen Koitus und Freiheit?
Gen Leben doch!
Gen Leben.

Doch es ist als wenn
Die Tage mich verdrängen
In meinem tauben Trommellauf
Stumm und dösig

Und alles reiht sich reibungslos
Aneinander, ohne Gefühl
Käseglockig, tick-tackend
Verlaufbandet

Und aus keiner Kante
Ergibt sich ein Atmen
Kein Stoß der Freiheit
Keine Wut, keine Sorge

So trimm ich mir den Tag zurecht
Im ständigen Wundwünschen
In aufgerafften Trommelschlägen
Irgendwie wollend, irgendwie wartend

Amos Lee

Mai 26, 2011

Ich habe geschworen, es richtig zu machen
Dir zu sagen, dass
Ich die Leere nicht mehr füllen kann

Ich habe mir gedacht, ich schreibe dir einen Brief
Mache Musik an, denke in grau-braun, eine Herbstmelancholie
Fülle die Lücke mit Schrift

Nun tret’ ich auf die Straßen, atme tief ein
Und leide irgendwie nicht
Eine Abwesenheit von allem, selbst vom Gefühl
Dass das nicht richtig ist

Ich hab meinen besten Mantel angezogen
Bin durch den Wind geschlendert, denkend
Hab’ mir Gitarren zusammengeschmunzelt
War wundervoll neutral

Und wir sind ein Bild
Eigenartig gut im Rahmen, festgehalten
Irgendwie weise, dieses Bauchsummen
Dort wo wir über den Wassern schwimmen

Einwärts

Mai 5, 2011

Ich nehme dich auf
Ich pfeife dich
Eine krumme Saite
Aufgeflusen

Lippen im O
Luft in Zügen
Hinaus in die Häuser
In den Gassen verlieren

Ich nehme dich raus
Ich lache dich
Ein glitzerner Stick
Zugesiebt

Lippen im U
Züge in Zügen
Hinaus in die Straßen
In den Worten verlieren

Ich nehme dich ein
Ich stimme dich
Ein letztes Steigen
Dein Mund im Fallen
Einwärts
In die Wände

Ellen

April 18, 2011

Wir fliegen, rosenkullernd
Ich kuschel mich an deine kühle Schulter
Perlend, warm
Wir biegen die Zeitrahmen, rasten

Du nimmst meine Noten
Und brichst sie in Atmen
Wir schwimmen, wunderwandernd
Aufgebrochen, jung

In unseren Armen finden wir Strom
Auf deinen Wegen geht mein Blick
Uns hinteher, in deine Ferne
Horizontal, sonnenuntergänglich

Wir lassen alles hinter uns
Schnappen uns ein Blätterrauschen
Streicheln unsere tiefsten Geheimnisse
Du nimmst mich mit, mir nach

Alles war gestern, heute ist frisch
So wundervoll abgekapselt
Am Sandstein des Lebens
Mit Lupenblick im Dämmerblau


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.