Bei Null anfangen

Die Welt. Schau sie dir an. Überall um dich herum. Grenzenlos. Grenzenloses Tick-Tock. Einfach nur Anschauen. Nicht Verarbeiten, das wäre falsch. Das wäre alles andere als zielführend. Im Ungedachten, in der schwarzen Asche der Atmung, da ist es wahr. Sobald du es denkst, wirst du wieder der, den du seit Jahren hinter dir her schleppst.

Wir sind wie Staubwischer. Wir Lesen und Verarbeiten und sammeln so viele Informationen. Aber wir sind wie Staubwischer. Wir bekommen das alles mit. Das ganze „sich selbst neu Erfinden“, all das „nicht aufhören zu lernen“. Und es wäre falsch für jede dieser Theorien, uns im Kleingedruckten mitzuteilen, dass das alles nicht so leicht ist.

Denn auf dem Papier ist es nicht schwer. Und dort steht es ja meistens. Schwarz auf weiß. Mach neu. Tue ab jetzt. Sei so.

Ja, so sein. Es ist richtig. Der Wille ist richtig. Der Gedanke ist richtig. Das Nein-Sagen ist falsch, selbst im Kleingedruckten. Der kleinste Staubkorn schädigt alles. Rammt alles gegen die Wand. Es darf keinen Zweifel geben. Und das macht es für viele so pauschal, so reißerisch. Dabei ist es nur ehrlich sich selbst gegenüber.

In ein anderes Buch müsste man schreiben, dass wir Staubwischer sind. Staubwischer der Jahre. Das brauch man gar nicht zu verschlüsseln. Man schreibt von Theorien, von Erfahrungen, von neuen Ansätzen und vieles davon ist eingängig. Man spürt instinktiv wie wahr es ist. Anderes wiederum nimmt sich sein dualistisches Recht, nur oberflächlich richtig zu wirken. Und im Detail zu verwirren.

Aber das Staubwischen, das kennt jeder. Denn so sind wir alle. Wir können nicht von Null beginnen. Wir können nicht aufwachen und einfach alles frisch haben. Alles gut haben. Alles ohne Angst tun. Und darum geht es doch letztendlich. Die Angst loswerden. Egal was uns zurückhält, es geht um Angst. Angst, aber subtil. Manchmal fühlt sie sich an, wie ein bisschen Druck in der Brust. Manchmal so, als würde Mutter über die Schulter schauen. Manchmal wie das weite Lachen unbekannter Anderer, aber ganz klar, das müssen die Wichtigen sein.

Die Anderen, undefiniert. Für immer der König unseres Handelns. Und wie abschreckend dann die sind, die die Anderen gar nicht erst kennen. Abschreckend irgendwie. Aber golden.

Staubwischen. Das ist es. Man zieht die Jahre mit sich. Man verändert sich, man sondiert auch aus. Nicht jeder Staubkorn bleibt hängen. Nicht jede Erfahrung prägt. Und viele schon. Aber wir können nie bei Null beginnen. Und die Wahrheit ist geduldig. Die Erkenntnis steht dort einfach. Man muss das begreifen, sie steht. Sie wartet nicht einmal, es ist auch nicht so, dass sie nur für eine Weile da wäre. Sie steht. Du kannst sie nehmen, oder sehen, wenn du magst. Aber ob und wann, das interessiert sie nicht. Denn sie ist.

Das, was wir aus all unseren Jahren mitnehmen, das wissen wir manchmal selbst nicht so genau. Darauf sollten wir vielleicht noch mehr achten.

Aber wer kann bei diesem Chaos schon auf noch mehr achten? Ja, wir wischen vieles eben auch nur mit. Dann sackt es, oder eben nicht. Aber noch mal, wir können nie bei Null anfangen.

Es wird immer wie beim Elfmeter-Schießen bleiben. Auch wenn wir Millionen Schüsse hätten und nur den ersten verschossen, wir kämen nie auf 100% Trefferquote.

Wobei, im Leben, da lassen sich 100% nicht definieren. Wir sind komplexe Gebilde. Wir sind gut so, wir sind so 100% vielleicht. So daneben geschossen. Aber eigentlich geht es um Angst.

Das wäre mal ein echtes bei Null anfangen. Aufwachen, ohne Angst. Angst, das vollkommen falsche Wort für das, was eigentlich gemeint ist. Angst ist Angst vor Prügel. Ist Angst vor der Prüfung. Ist Angst vor der Dunkelheit. Jeder kennt die. Jeder kennt aber auch das, was er nicht als Angst definiert. Weil es nicht so kickt, nicht so schallert. Aber es ist alles Angst.
Und davon sind wir alle voll. Vom Schwarzfahren bis zum Uhrzeit-Fragen. Vom Studieren bis zum falschen Mittagessen. Von der Penisgröße bis zur Intelligenz. Vom Gehalt bis zur Freundin. Vom Siegen bis zu Drogen. Es ist Angst. Es gibt kein anderes Wort – und jeder spürt es. Und keiner sieht es.

Zumindest wird es wenig gesehen. Denn man darf es eigentlich nicht sehen. Das ist vorgegeben. Von wem, das weiß keiner. Es ist einfach da. Es ist eingebaut. Wer es nicht hat, ist fehlerhaft geschaffen. Was für ein Glück das wäre.

Nicht Angst kennen, das bedeutet sich selbst kennen. Das ist eine gewagte Theorie, denn vielleicht zählen auch die Lebensjahre ohne Angst. Aber ganz sicher, keine Angst zu haben, bedeutet auch, sich selbst betrachten zu können. Bedeutet auch, sich so zu nehmen. Selbst mit Angst. Klar, das ginge nicht.

Deshalb ist es wichtig zu erkennen. Es geht nicht um bei Null anfangen. Es geht nicht um gute Gewohnheiten, es geht vielleicht nicht einmal um Zen. Es geht um Kämpfen, auf den Zustand hin. Das ist unsere Krücke, das Kämpfen. Erkennen – sehen!- und kämpfen, mit ganz viel Übung. Kämpfen. Mit allem, was da ist.

Wer das weiß, der kann grenzenlos sein. Wenn er’s beherzt.

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